Dr. forest Christoph Hoffmann

Plenarrede zu Agrarökologie

Sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

die steigende Weltbevölkerung und deren Nahrungsmittelversorgung sind wahrlich Themen, denen wir uns dringend annehmen müssen.

Im Antrag der Koalition wird der Anstieg des Hungers adressiert. Zwar litten laut aktuellen Zahlen rund 113 Millionen Menschen in 53 Ländern im Jahr 2018 akut Hunger. Insgesamt ist der Hunger jedoch in den letzten Jahren zurückgegangen - dank Freihandel und dem damit verbundenen steigenden Wohlstand in vielen Entwicklungsländern. 2017 waren es nämlich noch 124 Millionen Menschen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass weitere 143 Millionen Menschen in 42 Ländern von akutem Hunger bedroht sind. Aber genau deshalb muss unser Ansatz sein, den Wohlstand dieser Menschen nachhaltig zu steigern und das wie erwähnt besser heute als morgen. 

Sie versuchen jetzt in Ihrem Antrag die sogenannte „Agrarökologie“ und Entwicklungsminister Müllers Sonderinitiative „Eine Welt ohne Hunger“ als Wunderwaffen zu verkaufen. Das ist beides allerdings wenig nachhaltig und nicht mehr als das übliche Beruhigen des Gewissens der deutschen Bevölkerung.

Schauen wir uns die Ursachen für Hunger genauer an: Wo herrscht heute Hunger und was sind die Gründe für die aktuellen Zahlen?

Vor allem in Kriegsgebieten und in Ländern, die von Despoten regiert werden, herrscht Hunger. Afghanistan, Äthiopien, Demokratische Republik Kongo, Jemen, Nigeria, Sudan, Südsudan und Syrien – fast zwei Drittel der akut Hunger leidenden Menschen leben in diesen acht Ländern.

Wir sehen also, dass die Hauptursache für Hunger weitestgehend nicht der Mangel an landwirtschaftlichen Kenntnissen oder Techniken ist. Daher ist Agrarökologie auch nicht das Mittel der Wahl. Der Kampf gegen Hunger kann nur durch Prävention von Konflikten und durch robuste UN-Einsätze gewonnen werden!  Dafür braucht es mehr Einsatz für die multilateralen Organisationen.

Nehmen wir ein Beispiel: In Kamerun herrscht Bürgerkrieg und die Regierung verbietet im anglophonen Teil den Anbau von Getreide, wie mir Exilkameruner berichtet haben. Hatten wir nicht hier im Saal eine Debatte zu Kamerun, wo die Koalition gegen unseren Antrag zur Konfliktprävention gestimmt hat und wo die Kollegen von CDU/CSU und SPD argumentiert haben, die Bundesregierung sei bereits auf mehreren Ebenen tätig?

Bisher habe ich öffentlich weder etwas von Herrn Maas noch von Frau Merkel zum Konflikt in Kamerun vernommen. Wann wird sich die Bundesregierung hier aktiv einschalten? In den neuen Afrikapolitischen Leitlinien will die Bundesregierung das koloniale Erbe aufarbeiten. Kamerun war einmal eine deutsche Kolonie; ich finde daher, dass wir als Deutschland hier besondere Verantwortung tragen. Warum passiert hier nichts?

Stattdessen läuft die Despotenhilfe weiter! Das BMZ hat alleine in den letzten zwei Jahren knapp 150 Millionen Euro für bilaterale Maßnahmen in Kamerun zur Verfügung gestellt; darunter auch Mittel für den Schwerpunkt „Good Governance“. Ich möchte nicht wissen, wie viele Millionen davon in Regierungsberatung geflossen sind. Jedenfalls war die Beratung offensichtlich nicht sehr hilfreich, also kein Beitrag zu einer Welt ohne Hunger!

Der Rückgang landwirtschaftlich nutzbarer Flächen, den sie im Antrag zurecht beklagen, ist nicht neu. Der Prozess läuft schon lange. Die Sahara wird breiter und diesen Prozess wollen die afrikanischen Staaten aufhalten. Wo ist hier die direkte Unterstützung für das Projekt „Great Green Wall“, das die Afrikanische Union verwirklichen will? Die Bundesregierung unterstützt das Projekt zwar indirekt über multilaterale Töpfe, aber wird es dazu auch eine Sonderinitiative geben? Vermutlich nicht.

Der Antrag der Koalition ist geprägt von humanitären Gedanken, orientiert sich aber nicht an den wirklichen Verhältnisse. Sie schreiben, man solle sich für die Reduzierung von Lebensmittelabfällen und Nachernteverlusten in EZ-Ländern einsetzten und wollen, dass Pflanzenreste wieder auf die Felder kommen. Also soll es – auf gut deutsch gesagt - der Komposthaufen richten!

Und was passiert in diesen Ländern? Genau das. Genau das passiert doch alles schon! Dort in der Subsistenzlandwirtschaft fressen Schweine und Hühner die Reste. Da verkommt nichts - im Gegensatz zu Deutschland, wo man aus Hygienehysterie das Verfüttern von Essensresten an Schweine unterbunden hat und sich dann wundert, dass so viele Lebensmittel auf der Müllkippe landen.

Sie schreiben außerdem von professionalisieren landwirtschaftlichen Betrieben in Afrika. Welche Betriebe sind denn das? Die gibt es kaum. Landwirtschaft in Afrika ist in aller Regel Subsistenzlandwirtschaft oder es sind professionelle Plantagen. Also auch hier ist der Antrag wenig realistisch. Es fehlt nicht der Komposthaufen, sondern es fehlt an landwirtschaftlichen Betrieben, an Straßen, an Elektrizität, an Kühlhäusern, an Lagerungsmöglichkeiten und an Distribution. Alleine die Landwirtschaft zu adressieren ist viel zu kurz gegriffen. Die gesamte Gesellschaft muss sich entwickeln und mit ihr auch die zugehörige Infrastruktur.

Und: In Ihrem Antrag vergessen Sie völlig den wichtigen Faktor der Ernährungssicherung. Vor allem Pflanzenzüchtung, Pflanzenschutz sowie Natur- und Kunstdünger haben noch Potential nach oben. Innovation und neue Techniken in der Pflanzenzüchtung werden weitere Möglichkeiten eröffnen. In Entwicklungsländern kann bereits durch Verbesserungen im Bereich Ausbildung und Infrastruktur eine höhere Produktivität erreicht werden.

Sie haben die Agroforstwirtschaft für trockene Gebiete vergessen und den Fakt, dass durch Vernichtung von Wäldern die Wasserkreisläufe gestört werden. Dadurch werden Nährstoffeinträge ausbleiben und ein für den Ackerbau günstigeres, regionales Klima verhindert.

Wenn wir also unter den Strich schauen, versucht Ihr Antrag lediglich eines: Die Sonderinitiative Ihres Ministers zu rechtfertigen. Aber für diese ständigen und spontanen Initiativen gibt es keine Rechtfertigung! Das alles könnte man im regulären Einzelplan 23 abwickeln. Sonderinitiativen für jeden Zweck machen keinen Sinn, denn wie Minister Müller selbst immer sagt: Alles hängt mit allem zusammen.

Daher rate ich abschließend: Die Bundesregierung muss sich auf Ebene der Vereinten Nationen für eine Weltbevölkerungskonferenz einsetzen, wo die Themen Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelknappheit dringend thematisiert werden müssen. Die letzte Konferenz war vor 25 Jahren. Es ist daher und angesichts der prognostizierten Entwicklungen höchste Zeit, sich zu dieser globalen Herausforderung im multilateralen Dialog auszutauschen und geeignete Maßnahmen zu beschließen – statt nationaler Sonderinitiativen.

Vielen Dank!