"Zukunft liegt in regionalen Gesundheitszentren"

Beim FDP-Gesundheitsforum diskutierten Experten die Frage: Wie kann nach der Schließung des Krankenhauses die medizinische Versorgung wohnortnah gesichert werden?

SCHOPFHEIM. Die Schließung des Schopfheimer Krankenhauses ist nach dem Entscheid für eine Zentralklinik in Lörrach beschlossene Sache. Die Zahl der Hausarztpraxen im Mittelbereich Schopfheim droht in den kommenden Jahren stetig abzunehmen. Was das für die wohnortnahe medizinische Versorgung bedeutet, wurde auf Einladung des FDP-Bundestageskandidaten Christoph Hoffmann im kleinen Saal der Stadthalle vor drei Dutzend Zuhörern diskutiert; Vertreter der Schopfheimer Verwaltung und des (FDP-freien) Gemeinderates waren nicht anwesend.

Neben dem Zentralklinikum müsse viel stärker als bislang die Weichenstellung für die wohnortnahe medizinische Versorgung an den beiden künftig verwaisten Standorten Rheinfelden und Schopfheim in den Fokus des Landkreises rücken, forderte der Weiler Gesundheitsökonom Stefan Walzer. Dazu gehöre, dass das zu erwartende Geld aus dem Krankenhausstrukturfonds eben auch in die Infrastrukturförderung Schopfheims und Rheinfeldens fließe, und nicht allein in die Finanzierung der Zentrale. Grundsätzlich sieht Walzer im Bereich der medizinischen Vorort-Versorgung einen “Paradigmenwechsel zu Kooperationsformen: “Die Zukunft liegt in regionalen Gesundheitszentren”, erklärte Walzer.

Wichtiger Aspekt solcher Kooperationen sei nicht zuletzt die mögliche Anstellung von Ärzten: Die jungen Mediziner heute gäben der wirtschaftlichen Sicherheit einer Anstellung und vor allem deren Verlässlichkeit und Flexibilität in Sachen Arbeitszeit oftmals den Vorzug gegenüber der Selbstständigkeit.

Als Leuchtturmprojekt einer solchen Kooperation präsentiert sich das Gesundheitszentrum Todtnau-Schönau: “Einzelpraxen sind kaum mehr vermittelbar”, erklärte dessen Initiator Thomas Honeck unter anderem mit Blick auf geänderte Erwartungen der jungen Mediziner etwa in Sachen flexibler und verlässlicher Arbeitszeitmodelle und auf falsche Weichenstellungen in der Gesundheitspolitik. Vor diesem Hintergrund legte Honeck vor 15 Jahren bereits den Keim für ein heute florierendes Gesundheitszentrum mit 41 Mitarbeitern (darunter acht Allgemeinmediziner, Chirurgen, Anästhesisten, Ergo- und Physiotherapeuten), mit astreiner Patientenversorgung, gutem Arbeitsumfeld für die Mitarbeiter – und nicht zuletzt attraktiv für den Nachwuchs. Allerdings, das wurde aus den Schilderungen Honecks auch deutlich, waren über die immense persönliche Einsatz- und unternehmerische Risikobereitschaft, unerschütterliche Zielsicherheit und Beharrlichkeit nötig, um die bürokratischen Hürden und das Dickicht gesetzlicher Regelungen zu überwinden. Dieser Aspekt war Wasser auf die Mühlen von Gastgeber Hoffmann in seiner Forderung nach Bürokratieabbau. Das Beispiel sei eine rühmliche, und zuvorderst aber vom Enthusiasmus des Gründers zehrende Ausnahme, keineswegs jedoch das Allheilmittel für die Zukunft, befand Udo Schulte aus Weil. Dank seiner Kenntnis des Metiers als seit kurzem (mit 71 Jahren) pensionierter Allgemeinmediziner stellte er den kooperativen Zukunftsvisionen den schlichten Mangel an Allgemeinmedizinern entgegen: “Ohne Ärzte können wir die tollen Kooperationsmodelle vergessen”. Nur zehn Prozent der Medizinstudenten entschieden sich nach ihrem Abschluss für die Arbeit als Allgemeinmediziner/Hausarzt; dadurch liege die Zahl des frisch examinierten Nachwuchses derzeit bei gerade einem Drittel derjenigen, die das eigentliche Rentenalter von 65 erreichen.

Jetzt bereits sind 15 Prozent der Hausärzte über 65: “Das sind die fossilen Energien, die die hausärztliche Versorgung aufrechterhalten. Die sind aber irgendwann alle”, so Schulte. Rein rechnerisch nimmt die Zahl der Hausärzte Jahr für Jahr um etwa sechs Prozent ab; faktisch geht es – unter anderem wegen zunehmender Teilzeitbeschäftigung – noch rasanter. Richtig duster stellte Schulte die Lage in der Region dar: In Schopfheim werden in den nächsten fünf Jahren acht Hausärzte (sprich: 42 Prozent) aufhören; in Rheinfelden sind es 35 Prozent. “Es geht nicht darum, den heutigen Stand aufrechtzuerhalten, sondern darum, den kompletten Zusammenbruch zu verhindern. Wenn wir keine Lösung finden, wird die hausärztliche Versorgung nicht mehr existent sein”, so das erbarmungslose Fazit.

Als Hauptgrund für die mangelnde Attraktivität des Hausarzt-Daseins nannte Schulte den finanziellen Aspekt, etwa durch die Pauschalen-Regelung. “Der Arzt muss heute mehr arbeiten für weniger Geld.” In finanziellen Verbesserungen sieht er denn auch den einzigen gangbaren Weg. Und da seien konkret Subventionen durch Kommunen oder Landkreise gefragt. Für Schopfheim konkret könnte/sollte das bedeuten, dass die Stadt sich daran macht, das “zum Ausweiden freigegebene” Krankenhaus mit seiner medizinischen Infrastruktur (Operationssäle, medizinisch-technische Ausstattung) als Nukleus zu nutzen, um die praktizierenden Ärzte zu halten und zu unterstützen – und womöglich auch ein attraktives Umfeld für neue Niederlassungen zu schaffen.

So könnte die Stadt die An- bzw. Übersiedlung von bestehenden Arztpraxen initiieren und durchaus auch subventionieren, flankierte der Schopfheimer Arzt Dieter Raps: “Es gäbe Kollegen, die daran Interesse hätten”. Allerdings sei es für derlei Initiative in fünf Jahren zu spät, erklärte Raps mit Blick auf seine Berufs- und Alterskollegen. “Wir müssen politischen Druck aufbauen, um das Trägheitsmoment zu überwinden”, forderte Raps.

Anja Bertsch

Quelle: Badische Zeitung vom 14.09.2017