Pragmatiker mit kommunalem Blick

Christoph Hoffmann (FDP) setzt im Wahlkampf im Wahlkreis Lörrach-Müllheim auch auf seine kommunalpolitische Erfahrung.

LÖRRACH. Bei der Bundestagswahl gibt es eine Erst- und eine Zweitstimme. Erstere entscheidet über den Direktkandidaten, der den Wahlkreis Lörrach-Müllheim im Bundestag vertritt, die Zweitstimme über die Anteile der Parteien und damit die Sitzverteilung im Parlament. Beide Ebenen zusammen betrachtet haben im Wahlkreis vier Kandidaten mehr oder weniger Chancen, in den Bundestag einzuziehen – entweder als direkt Gewählter oder über die Landeslisten der Parteien. Dieses Quartett beobachtet die BZ im Wahlkampf genauer. Heute FDP-Kandidat Christoph Hoffmann (59).

“Ich bin ein Kommunaler”, sagt der 59-jährige FDP-Kandidat von sich. Einen Atemzug später kann er sich aber auch als “Generalist” bezeichnen. Beide Perspektiven verwundern allerdings nicht wirklich bei einem, der seit zehn Jahren Bürgermeister in Bad Bellingen ist. Im Gegenteil. Geht es um das Thema Flüchtlinge und Integration, lässt Christoph Hoffmann denn auch keine Gelegenheit aus, auf seine Erfahrungen auf der kommunalen Ebene zu verweisen. Die aber stehen durchaus quer zu der einen oder anderen Stimme im großen politischen Diskurs.

Die Integration der Flüchtlinge sei eine “ungeheure Aufgabe. Dafür müssen wir mehr tun”, mahnt der 1957 in Schliengen geborene Diplomforstwirt und Bürgermeister zum Beispiel regelmäßig. Dass sich das leichter sagt, als tut, erfährt Hoffmann aber auch fast täglich. Denn “Menschen sind ihren Lebensmustern verhaftet”, beobachtet er. Europäische Werte – von der Gleichberechtigung der Geschlechter bis zur Trennung von Staat und Religion – im Bewusstsein syrischer, irakischer oder afghanischer Flüchtlinge zu verankern, sei nicht mit ein, zwei Integrationskursen abzuhaken. Das ist ein Prozess, der auch die aufnehmende Gesellschaft längerfristig fordert, mitunter auch herausfordert. Von AfD-Positionen aber grenzt sich der verheiratete Vater eines 14-Jährigen gleichwohl scharf ab. “Wir brauchen Zuwanderung”, sagt er etwa – aber geordnet und nicht zuletzt über die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes vermittelt, sprich durch ein Einwanderungsgesetz geregelt. Was er derzeit bei den Themen erlebt, sei dagegen “abenteuerlich”.

Griffige Wahlkampfpolemik aber geht dem ausgebildeten Förster ohnehin recht locker über die Lippen. Mal spricht er da vom “Förderunwesen”, dann vom “Sanierungsfall Deutschland” und meint damit den Raubbau an der Infrastruktur, den er schon mal einen “Skandal” nennt. Dass das Regierungspräsidium Freiburg für den Um- und Ausbau der Kreuzung um die Autobahnanschlussstelle Lörrach-Mitte (“Hasenloch”) eine Planung von acht Jahren ansetze, hält er zum Beispiel schlicht für “nicht hinnehmbar”. Das sei ein weiterer Beleg dafür, dass Planungsverfahren hierzulande zu komplex sind und zu lang dauern. “Da brauchen wir einen Mentalitätswechsel”, betont Hoffmann den liberalen Macher, der sich grundsätzlich reibt an einem Zuviel an staatlicher Regulierung.

Bürokratieabbau ist daher ein weiteres Kernthema, das als roter Faden in fast alle Wahlkampfauftritte eingewoben ist. Unternehmerisches Handeln etwa werde durch Gesetze und Vorschriften unnötig und zum Nachteil des Landes gefesselt – zumal in Verbindung mit dem weltweit belächelten Fortschrittsskeptizismus, der “German Angst”. Fixsterne dieses liberalen Polituniversums sind dagegen Begriffe wie Bürgergesellschaft, Selbstbestimmung, gesunder Menschenverstand, individuelle Leistung, mehr Eigenverantwortung. Der in Teilen des politischen Spektrums regelmäßig vernehmbare Ruf nach mehr Staat ist für den 59-Jährigen dagegen ein im wahrsten Sinn rotes Tuch.

Die Helferkreise, die Flüchtlinge betreuen, sind für ihn dagegen ein Beleg für die Potenziale einer Bürgergesellschaft. Er jedenfalls vermutet, dass diese mehr Flüchtlinge in Arbeit vermittelt haben als die Agentur für Arbeit. Natürlich könne nicht auf staatliche Strukturen verzichtet werden. “Aber es muss den Bürgern leichter gemacht werden, sich zu engagieren”, benennt er eine weitere Boje seines politischen Fahrwassers und fühlt sich damit in der FDP gut aufgehoben, auch wenn erst seit 2016 Mitglied ist. “Ich denke, wir könnten viele Dinge pragmatischer lösen, wenn wir an der Basis ansetzen”, vermutet Hoffmann.

“Wir haben uns zu sehr um Randgruppen gekümmert”

Manche nennen das den schlanken Staat. Grundsätzlich geht es Hoffmann darum, diesen auf Kernaufgaben zu fokussieren. Aber auch darum, dass der Staat die Mitte wieder mehr in den Blick nimmt. Das sind für Hoffmann die, die mit Bahnen und Bussen, Rad oder Auto zur Arbeit pendeln und Steuern bezahlen. “Wir haben uns zuletzt zu sehr um Randgruppen gekümmert”, findet er. Noch wichtiger aber sei das Thema Bildung. Deutschland brauche die weltbeste Bildung. “Ein Mondfahrtprojekt” nennt er das. “Denn wir laufen in eine Digitalisierungswelle. Da werden gerade einfache Jobs wegfallen”, begründet er.

Koalitionsoptionen spielen für den FDP-Vertreter im Wahlkampf dagegen keine Rolle. Er kämpft um alles – um Erst- und Zweitstimme, die der FDP und auch ihm die Tür in den Bundestag öffnet. Mit Platz zehn auf der Landesliste hat Hoffmann auf Basis der Prognosen durchaus Chancen. Schafft die FDP den Wiedereinzug in den Bundestag und erreicht in Baden-Württemberg knapp zehn Prozent, wäre er dabei. Im Vergleich zur Wahl 2013 braucht das aber kräftige Gewinne – im Land wie im Wahlkreis, wo die FDP bei 5,6 Prozent der Zweitstimmen landete.

Michael Baas

Quelle: Badische Zeitung vom 12.09.2017